In einem 1958 in der Encyclopédie
de la musique erschienenen Lexikonartikel über Claude Debussy hat
Pierre Boulez die Anfänge der Moderne in Literatur und Musik auf
die These zugespitzt: „Wie die moderne Dichtung mit Bestimmtheit
in gewissen Gedichten von Baudelaire wurzelt, so können wir berechtigtermaßen
behaupten, dass die moderne Musik mit L’Après-Midi d’un
Faune erwacht.“ In diesem 1894 uraufgeführten Orchesterwerk
nach einem Gedicht Stéphane Mallarmés spielt die Flöte
die herausragende Rolle. Ihr elegisches Solo zu Beginn gibt dem ganzen
Werk einen verheißungsvollen Auftakt, der weit über das eigentliche
Stück hinausweist: Mit der Flöte des Faunes gelangt die musikalische
Kunst, wie Boulez feststellt, zu einem neuen Atem. Er durchweht auch das
Widmungsgedicht Mallarmés, das dieser zum Dank an Debussy schrieb:
Sylvain d’haleine première Si la flûte a réussi,
Ouïs toute la lumière
Qu’y soufflera Debussy.
Dieser neue Atem belebte nicht zuletzt das Instrument selber. Debussys
Orchesterwerk verhalf der Flöte zu einer neuen Karriere. Es leitete
den Höhepunkt einer Belle Époque des Instruments in Frankreich
ein, die auch schon als das goldene Zeitalter der Flöte bezeichnet
worden ist. Mit ihrem klaren, brillanten und leichten Klang galt sie als
ideale Repräsentantin französischer Kultur. War die Flöte
seit der Mitte des 19. Jahrhunderts weitgehend in den Virtuosenkult integriert
gewesen, so erlangte sie unter Debussys Einfluss um die Jahrhundertwende
einen ganz neuen Stellenwert bei den Komponisten: Gabriel Fauré,
Georges Enescu, Jacques Ibert, Albert Roussel, Darius Milhaud, Francis
Poulenc, Olivier Messiaen und André Jolivet sind nur einige Namen
in dieser Traditionslinie, in der das Korpus der Flötenliteratur
bedeutend erweitert wurde.
In diesen kulturgeschichtlichen Kontext gehört auch die Suite op.
34 von Charles-Marie Widor. Sie ist Paul Taffanel gewidmet,
dem im gleichen Jahr wie Widor geborenen Begründer der modernen französischen
Flötenschule. Vier Jahre nach Debussys Prélude à l’après-midi
d’un faune, nämlich 1898, entstanden, steht die Suite für
Flöte und Klavier, ähnlich wie Faurés Fantaisie op. 79
aus demselben Jahr, ganz auf der Schwelle der Zeit: Sie ist klassisch
in der Form und romantisch in der Melodik und Harmonik, setzt aber zugleich
in einer Weise auf die Klangfarben der Instrumente, die innerhalb der
französischen Tradition viele Nachahmer finden sollte. Widor war
lange Jahre seines Lebens Organist an der Kirche St. Sulpice in Paris
und als Nachfolger César Francks Professor für Orgel, später
auch für Komposition am Conservatoire in Paris. Zu seinen Schülern
zählen Arthur Honegger und Darius Milhaud. Bekannt geblieben ist
Widor hauptsächlich durch seine Werke für Orgel und besonders
durch die sogenannten Orgelsymphonien. Im dichten, virtuosen Klavierpart
der Suite op. 34 gewinnt auch seine Kammermusik einen orchestralen Charakter.
Dennoch sucht das Klavier das intime Zwiegespräch mit der Flöte,
die facettenreich und immer wirkungsvoll eingesetzt ist. Ein besonderer
Reiz des Stücks besteht darin, dass Widor in weit entfernte Tonarten
moduliert und die einzelnen Sätze in verschiedenen Tonarten stehen.
Seine innere Einheit gewinnt das Werk durch das Auftaktmotiv, das ganz
zu Beginn in beiden Instrumenten erklingt und die Zelle darstellt, aus
der sich die ganze Suite motivisch-thematisch entwickelt.
Die Sonate von Bohuslav Martinu hat sich längst
als eine der wichtigsten Kompositionen in der Literatur für Flöte
und Klavier des 20. Jahrhunderts etabliert und steht gleichrangig neben
den Stücken André Jolivets oder Sergej Prokofievs für
diese Besetzung. Auch bei Martinu bestehen Beziehungen zu Frankreich,
nur schon in biographischer Hinsicht: Er stammte zwar ursprünglich
aus Böhmen, erhielt aber seine wichtigste Ausbildung und Förderung
von Albert Roussell in Paris. Im Zweiten Weltkrieg sah er sich gezwungen,
nach Amerika zu emigrieren, wo auch 1945 die Flötensonate entstand.
Martinus Kompositionsstil verrät unterschiedlichste Einflüsse,
deren Spektrum von tschechischer Folklore über neobarocke und neoklassizistische
Tendenzen bis hin zu impressionistischen Einschlägen und Elementen
des Jazz reicht. Dennoch lässt er sich keiner Gruppe oder Schule
zuordnen, und zumal die Sonate für Flöte und Klavier zeugt von
seiner unvergleichlichen, urtümlich expressiven Vitalität. Die
unwiderstehliche Kraft der First Sonata verdankt sich einer bezaubernden
Melodik ebenso wie einer ungebändigt pulsierenden Rhythmik.
André Jolivet zählt zu den ganz wenigen namhaften
Komponisten, die viel für die Flöte geschrieben und ihr in ihrem
Œuvre einen zentralen Stellenwert eingeräumt haben. Er hielt
sie gar für das „Musikinstrument par excellence“, weil
sie, belebt vom Atem, „diesem tiefsten Ausströmen menschlichen
Seins“, ihre Töne erfüllt mit dem, was „in uns zugleich
körperlich und kosmisch ist.“ Auf den Konzertprogrammen erscheint
aber meist nur der Chant de Linos von 1944 für Flöte und Klavier,
bisweilen auch das Concerto für Flöte und Streichorchester von
1949. Für die Besetzung Flöte und Klavier hat Jolivet 1958 aber
auch eine Sonate geschrieben, die in ihrer musikalischen Sprache ungleich
avancierter ist als etwa die antikisierende Trauerlamentation des Chant
de Linos. Der magisch-beschwörende Tonfall vieler Flötenwerke
Jolivets ist darin stellenweise noch erkennbar, vorab im Flötensolo
zu Beginn des zweiten Satzes. Im ersten Satz wird er aber melodisch fragmentarisiert
und in extreme dynamische und (durch eine Häufung großer Tonsprünge)
intervallische Gegensätze getrieben, während er im dritten Satz
eine rhythmisch und agogisch äußerst komplexe Struktur aufweist.
Vor allem die Rhythmik im letzten Satz zeigt Jolivet als Schüler
Edgar Varèses, der selber mit Density 21.5 von 1936 zur Inauguration
einer Platinflöte mit der im Titel angegebenen Dichte, zur Feier
des Materials, eines der paradigmatischen Werke für Flöte (solo)
im 20. Jahrhundert geschaffen hat. Auch Jolivets Sonate geht bis an die
Grenzen, nicht nur der Instrumente: in subtiler rhythmischer, melodischer
und harmonischer Verästelung im ersten Satz, in elegisch-kantilener
Manier im zweiten und in einer nur von einem jazzigen Mittelteil unterbrochenen,
immer ungestümer aufs Ende hin stürmenden, explosiven, nahezu
gewalttätigen Dynamik im dritten, der nicht von ungefähr mit
Violent überschrieben ist.